Jüdisches Leben gehört zu unserer Identität
Für mich als Landtagspräsidenten war es eine besondere Ehre, gemeinsam mit dem Landesverband Sachsen der Jüdischen Gemeinden dessen 100-jähriges Bestehen zu feiern. Im Plenarsaal des Sächsischen Landtags kamen Abgeordnete, Vertreterinnen und Vertreter der jüdischen Gemeinden sowie Gäste aus dem gesellschaftlichen Leben zusammen, um auf die Geschichte des Landesverbandes zu blicken und zugleich über die Zukunft jüdischen Lebens in Sachsen zu sprechen.
Dieses Jubiläum ist weit mehr als ein historisches Datum. Es steht für die tiefe Verwurzelung jüdischen Lebens in Sachsen, für seine Bedeutung in Gegenwart und Vergangenheit – und für unsere gemeinsame Verantwortung, es auch in Zukunft zu schützen und zu stärken. Jüdisches Leben ist und bleibt ein fester, unverzichtbarer Teil unserer sächsischen Identität. Die Gründung des damaligen „Sächsischen Israelitischen Gemeindeverbandes“ im Jahr 1926 war ein Ausdruck jüdischen Selbstbewusstseins und demokratischer Freiheit. In den Städten Sachsens prägten jüdische Bürgerinnen und Bürger das wirtschaftliche, kulturelle und gesellschaftliche Leben. In Chemnitz stehen dafür etwa die Gebrüder Schocken, in Leipzig Hans Kroch und in Dresden die Gebrüder Arnhold. Ihr Wirken ist bis heute sichtbar und Teil unserer gemeinsamen Geschichte.
Gleichzeitig erinnert uns der Blick auf die vergangenen 100 Jahre an die schmerzhaften Brüche durch die nationalsozialistische Gewaltherrschaft. Antisemitismus gab es bereits vor 1933, doch unter dem Nationalsozialismus wurde der Judenhass zur Grundlage eines beispiellosen Menschheitsverbrechens. Sechs Millionen Jüdinnen und Juden wurden ermordet. Dass es nach dem Holocaust in Sachsen wieder jüdische Gemeinden und ein lebendiges jüdisches Kulturleben gibt, mutet angesichts dieses unermesslichen Leids wie ein Wunder an.
Besonders bewegt hat mich - wie schon sehr oft - die Begegnung mit Renate Aris, die 1935 in Dresden geboren wurde und den Holocaust überlebt hat. Ihre Jugend wurde durch die nationalsozialistische Verfolgung zerstört. Dass sie uns heute die Hand reicht und gemeinsam mit uns an einer Gesellschaft arbeitet, die von Offenheit, Mitmenschlichkeit und demokratischen Werten geprägt ist, ist ein großes Geschenk – und zugleich eine Verpflichtung.
Der Antisemitismus ist jedoch nicht verschwunden. Er tritt in alter und neuer Form auf und bleibt eine stetige Herausforderung in Deutschland, Europa und der Welt. Die Ereignisse von Halle 2019 und der Terrorangriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 haben dies auf schmerzliche Weise gezeigt. Auch in Sachsen haben antisemitische Straftaten deutlich zugenommen. Daran dürfen wir uns niemals gewöhnen. Jüdinnen und Juden müssen sich in Sachsen sicher fühlen können. Deshalb darf es nicht bei schönen Worten bleiben. Der Freistaat hat seine Unterstützung für die jüdischen Gemeinden deutlich erhöht und stellt seit 2025 jährlich 2,1 Millionen Euro bereit. Darin enthalten sind erstmals auch feste Mittel für Sicherheitsdienstleistungen und den professionellen Schutz jüdischer Einrichtungen.
Jüdisches Leben zu schützen, ist eine Aufgabe des Staates und der gesamten Gesellschaft. Wer Jüdinnen und Juden angreift, greift unsere freiheitliche und demokratische Lebensweise an. Antisemitische Parolen, Beleidigungen und sogenannte Witze dürfen nicht unwidersprochen bleiben. Bildung und Aufklärung, Gedenkstättenbesuche und persönliche Zivilcourage sind wichtige Voraussetzungen dafür, dass wir den Nährboden für Antisemitismus austrocknen.
Das Themenjahr „Tacheles“ macht jüdische Geschichte, Kultur und Gegenwart in ganz Sachsen sichtbar. Es schafft Begegnungen, baut Berührungsängste ab und zeigt, wie vielfältig jüdisches Leben heute ist. Auch die Fotoausstellung „Einblicke – Jüdisches Leben in Sachsen“ im Bürgerfoyer des Landtags lädt bis zum 23.09. dazu ein, genauer hinzusehen und miteinander ins Gespräch zu kommen.
Ich wünsche mir, dass jüdische Gemeinden in Sachsen weiterhin lebendige Orte des Gebets, der Kultur und der Begegnung bleiben. Wenn jüdisches Leben selbstverständlich in unserer Mitte stattfinden kann und Jüdinnen und Juden sicher in Sachsen leben, dann ist das wohl das größte Geburtstagsgeschenk, das wir dem Landesverband machen können. Ich gratuliere herzlich zum 100-jährigen Bestehen und wünsche für die Zukunft alles Gute, Kraft und Gottes Segen.